Sofie Valk möchte durch ihre Arbeit politische Maßnahmen und Programme zur Förderung der psychischen und kognitiven Gesundheit von Kindern mitgestalten. Aisha Schnellmann berichtet mehr darüber.

Aisha Schnellmann: Welche Fragen untersuchen Sie in Ihrer Forschung zu Biologie und sozialen Einflüssen? 
Sofie Valk: Das sich entwickelnde Gehirn ist bemerkenswert KunststoffEs verändert sich ständig als Reaktion auf Erfahrungen. Ich untersuche, wie Biologie und soziale Erfahrungen zusammenwirken, um das menschliche Gehirn zu formen, und stelle Fragen wie: Wie unterstützt die Struktur des Gehirns die menschliche Kognition? Wie verändert sich das Gehirn im Laufe des Heranwachsens vom Kind zum Erwachsenen? Und wie wirkt sich die soziales Umfeld – wozu Familie, Gleichaltrige und das weitere Umfeld gehören – beeinflussen das Gehirn und die kognitiven Prozesse? 

„Das sich entwickelnde Gehirn ist bemerkenswert plastisch. Es verändert sich ständig als Reaktion auf Erfahrungen.“

Mein Team und ich erforschen, wie soziale und biologische Faktoren zu neurologischen Entwicklungsstörungen, psychiatrischen Erkrankungen und neurologischen Störungen beitragen. Unsere Forschung hilft zu erklären, wie die Hirnstruktur die Hirnfunktion beeinflusst und wie unser Umfeld unsere Psyche prägt – Erkenntnisse, die sowohl die Diagnose als auch die Therapie verbessern können.  

Wir konzentrieren uns derzeit auf die Entwicklung, da viele sozialkognitive Funktionen in den ersten zwanzig Lebensjahren entstehen und durch Interaktionen mit unserer Umwelt geprägt werden. Zukünftig möchten wir auch verstehen, wie die Entwicklung Alterungsprozesse im späteren Leben beeinflusst.  

WIE: Ist es schwierig, den Einfluss sozialer Erfahrungen auf das Gehirn zu untersuchen?  
SV: Ja, diese Forschung ist besonders komplex. Es ist schwierig, Daten zu erheben, die die Hirnanatomie, funktionelle Prozesse und soziale Umgebungen aussagekräftig erfassen. Um diese Aspekte im Verlauf der Entwicklung zu verstehen, benötigen wir idealerweise einen Längsschnittansatz, bei dem wir die Daten derselben Kinder mehrmals im Laufe ihres Heranwachsens erheben. 

Wir müssen zudem unterschiedliche Verständnisebenen miteinander verknüpfen – von den zellulären Mechanismen im Gehirn bis hin zu komplexen sozialen Interaktionen. Methodische Innovationen und interdisziplinäre Zusammenarbeit sind notwendig, um diese traditionell getrennten Bereiche zu verbinden. Das ist eine große Herausforderung, doch dank der Verfügbarkeit offener Datenressourcen bieten sich uns zahlreiche Möglichkeiten, Systeme und Maßstäbe miteinander zu verknüpfen.  

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WIE: Wie wird Ihre Forschung Kindern helfen? 
SV: Ein besseres Verständnis davon, wie unser soziales Umfeld die Entwicklung des Gehirns prägt, wird uns helfen, wichtige biologische Mechanismen an der Schnittstelle von sozialen und neuronalen Systemen zu identifizieren. Dies kann letztendlich zu fundierteren Entscheidungen und politischen Veränderungen führen, die die psychische und neuronale Gesundheit von Kindern fördern. Beispielsweise könnte unsere Forschung darüber, wie soziale Faktoren die neuronale Plastizität beeinflussen, die Gestaltung von Bildungsumgebungen beeinflussen, die Belastbarkeit aufbauenEs könnte auch das Bewusstsein für die entscheidende Bedeutung der Förderung des sich entwickelnden Gehirns schärfen und einen stärkeren Schutz der Rechte, der psychischen Gesundheit und des allgemeinen Wohlbefindens von Kindern unterstützen.   

Ich wende meine Forschung auch praktisch an. Gemeinsam mit meinem Team betreue ich Schülerpraktikanten, die wissenschaftliche Projekte in unserem Labor durchführen. Dabei sammeln sie praktische Erfahrungen in Programmierung, Neurowissenschaften und kritischem Denken. Ein weiterer Schwerpunkt meines Labors ist die Frage, wie unser Modell im klinischen Kontext, insbesondere in der Psychiatrie und Neurologie, relevant ist. Wir untersuchen beispielsweise, wie frühkindlicher Stress die neuronale Entwicklung und funktionelle Ergebnisse beeinflussen kann und wie Risiko und Resilienz mit der Gehirnentwicklung und der psychischen Gesundheit zusammenhängen.  

„Erwachsene können die natürliche Neugierde von Kindern darauf fördern, wie ihr Geist und ihr Körper funktionieren.“

WIE: Wie können Erwachsene eine gesunde Gehirnentwicklung bei Kindern unterstützen? 
SV: Erwachsene können die natürliche Neugier von Kindern auf die Funktionsweise ihres Geistes und Körpers fördern. Sie können gesunde, unterstützende Umgebungen schaffen, die für eine optimale Gehirnentwicklung von Kindern sowohl zu Hause als auch im Elternhaus unerlässlich sind. in der SchuleDies umfasst die Reduzierung von Umweltstressoren, seien sie psychosozialer Natur, wie chronischer Stress oder Vernachlässigung, oder physischer Natur, wie Lärm oder Umweltverschmutzung.  

Wenn Lehrer und politische Entscheidungsträger ein größeres Bewusstsein für die Plastizität des Gehirns und die einzigartigen Möglichkeiten entwickeln, die es in der Kindheit bietet, kann dies dazu beitragen, Praktiken und Richtlinien zum Schutz der Kinderrechte zu stärken.  

In Schulen ist es wichtig, sozialen Kompetenzen – wie emotionalem Verständnis und Perspektivenwechsel – ebenso viel Bedeutung beizumessen wie fachlichen Kompetenzen wie Mathematik und Schreiben. Diese sozial-emotionalen Kompetenzen sind zentral für eine gesunde Entwicklung und langfristige psychische Gesundheit. 

Schließlich spielt der kontinuierliche Dialog zwischen Forschern, politischen Entscheidungsträgern, Pädagogen und Familien eine wesentliche Rolle bei der Unterstützung der kindlichen Entwicklung, insbesondere angesichts der Herausforderungen einer sich schnell verändernden, digitalen Welt.   

„Der kontinuierliche Dialog zwischen Forschern, politischen Entscheidungsträgern, Pädagogen und Familien spielt eine wesentliche Rolle bei der Unterstützung der kindlichen Entwicklung.“

AS: Worauf freuen Sie sich momentan am meisten bei Ihrer Arbeit? 
SV: Unser Forschungsteam entwickelt neue Methoden, um zu untersuchen, wie das Gehirn soziale Funktionen unterstützt und auf unterschiedliche soziale Umgebungen reagiert. Diese Ansätze zielen darauf ab, aufzudecken, wie spezifische Faktoren, wie z. B. positive Interaktionen mit GleichaltrigenHerausfordernde soziale Situationen oder die Umgebungen, in denen Kinder leben, spiegeln sich in der Struktur und Funktion des Gehirns wider und prägen die neuronale Entwicklung im Laufe der Zeit. 

Durch ein besseres Verständnis der Auswirkungen verschiedener Arten sozialer Erfahrungen hoffen wir, die Gestaltung effektiverer sozial-emotionaler Lernprogramme für Schulen zu unterstützen und auch zu verbesserten Diagnose- und Therapieverfahren im klinischen Bereich beizutragen.  

In letzter Zeit habe ich mir auch vermehrt Gedanken darüber gemacht, wie wir unsere Forschungsergebnisse in die Praxis umsetzen können. Gemeinsam mit meinem Team entwickeln wir ein MINT-Bildungsprogramm, das neurowissenschaftliche Laborforschung mit dem Unterricht im Klassenzimmer verbindet. Ziel ist es, Kindern auf zugängliche und ansprechende Weise Programmieren, Neurowissenschaften und Sozialpsychologie näherzubringen. Ich hoffe, dass die Schülerinnen und Schüler, wenn sie verstehen, wie ihr Gehirn soziale Informationen verarbeitet, ihre eigenen Gedanken, Gefühle und Interaktionen besser reflektieren. 

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Fußnoten

Sofie Valk Sie studierte Künstliche Intelligenz und Sozialphilosophie (Bachelor) an der Universität Amsterdam und Kognitionswissenschaft (Master). Ihre Promotion über soziale Hirnstrukturen absolvierte sie am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Anschließend forschte sie als Postdoktorandin im Bereich Bildgebungsgenetik an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Danach gründete sie die Otto-Hahn-Forschungsgruppe „Kognitive Neurogenetik“ am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften sowie eine weitere Forschungsgruppe zum selben Thema am Forschungszentrum Jülich. Derzeit leitet sie die Gruppe am Forschungszentrum Jülich sowie die Lise-Meitner-Gruppe „Neurobiosoziales“ am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften. Für ihre Arbeit wurde sie vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit der Otto-Hahn-Medaille und dem Otto-Hahn-Preis, dem Hector-Forschungsförderpreis und dem Nachwuchspreis der Deutschen Gesellschaft für Psychophysiologie und Angewandte Wissenschaften. Sie hat zwei Kinder. Sofie ist eine 2025 bis 2027 Jacobs Foundation Research Fellow 

Sofie am LinkedIn und Blauer HimmelSofies Webseite des Labors.

Dieses Interview wurde aus Gründen der Übersichtlichkeit bearbeitet.