Der Psychologe, der die Entwicklung des Gerechtigkeitssinns und der Beziehungen zu Gleichaltrigen bei Kindern untersucht
Jeanine Grütter erforscht, was ein inklusives Klassenzimmer ausmacht, in dem sich alle Kinder zugehörig fühlen.
Jeanine Grütter ist Entwicklungspsychologin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie erforscht die kindliche Entwicklung. positive Beziehungen Sie möchte mit Gleichaltrigen in Kontakt treten und Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen. Jeanine versucht zu verstehen, wie Lehrkräfte das Gemeinschaftsgefühl im Klassenzimmer fördern können. Annie Brookman-Byrne spricht mit Jeanine darüber, wie soziale Verantwortung entsteht und welche Möglichkeiten es gibt, … KI im Klassenzimmer um Lehrkräfte dabei zu unterstützen, positive Beziehungen zwischen Gleichaltrigen zu fördern.
Annie Brookman-Byrne: Was hat Ihre Forschung darüber ergeben, wie und wann Kinder beginnen, soziale Verantwortung für ihre Gleichaltrigen und die Gesellschaft im Allgemeinen zu übernehmen?
Jeanine Grütter: In der frühen Kindheit lernen Kinder, sich von anderen zu unterscheiden – eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung einer Theory of Mind, also des Verständnisses, dass andere Menschen Wünsche, Gefühle und Absichten haben, die sich von ihren eigenen unterscheiden können. Mit der Zeit werden sie zu besseren Beobachtern und lernen, die Perspektiven anderer einzunehmen und deren Gefühle zu berücksichtigen.
Durch enge familiäre Beziehungen und frühe Freundschaften mit Gleichaltrigen lernen sie Empathie, Intimität und Vertrauen kennen. Dies hilft ihnen, Konflikte auf prosoziale Weise zu lösen. In der Schule, in einer größeren Gruppe Gleichaltriger, lernen sie Regeln für einen fairen Umgang miteinander. Sobald sie ein solches Verständnis entwickelt haben, … Verantwortungsbewusstsein Im Umgang mit Gleichaltrigen können sie dieses Verhalten auf die gesamte Gemeinschaft übertragen. In der Jugend engagieren sie sich vielleicht ehrenamtlich für andere, und als Erwachsene entwickeln sie möglicherweise ein noch stärkeres Verantwortungsgefühl und den Wunsch, sich um andere zu kümmern. Die COVID-19-Pandemie hat die Bedeutung gegenseitiger Verantwortung deutlich gemacht.
Meine Kollegen und ich führte eine Studie durch Wir haben die Solidarität einer Gruppe von 21-Jährigen während der Pandemie untersucht. Im Alter von 12 Jahren waren dieselben jungen Menschen zu ihrer Empathie, ihrem Zugehörigkeitsgefühl und ihrem Vertrauen befragt worden. Diejenigen, die mit 12 Jahren mehr Empathie zeigten, wiesen mit 21 Jahren während der Pandemie eine größere Solidarität auf – sie halfen Bedürftigen, hielten sich an die Regeln und vertrauten der Regierung. Dies zeigt, dass frühkindliche soziale Verantwortung später einen echten Einfluss haben kann. Daher ist es sehr wertvoll, Kinder bei der Entwicklung dieser Eigenschaften zu unterstützen.
ABB: Wie misst man psychologische Konzepte wie Perspektivenübernahme und Empathie?
JG: In den meisten Fällen erzähle ich Geschichten aus dem Alltag von Gleichaltrigen und zeige ihnen Bilder, dann notiere ich ihre Reaktionen. Wir können Perspektivenübernahme und Empathie testen, indem wir beobachten, ob Kinder die Gefühle von jemandem antizipieren, der von Gleichaltrigen ausgeschlossen wird. In der Arbeit mit Jugendlichen präsentieren wir recht komplexe soziale Situationen, wohl wissend, dass Peer-Beziehungen In diesem Alter haben solche Erfahrungen einen starken Einfluss. Teenager wollen dazugehören, in der coolen Clique mitspielen. Manchmal schließen sie Gleichaltrige aus, selbst wenn sie wissen, dass das unfair und verletzend ist. Um fair zu handeln, müssen sie die Folgen ihres Verhaltens verstehen und dem Gruppenzwang widerstehen. Anhand von Bildern und Geschichten erforschen wir, welche Bedingungen Kindern und Jugendlichen helfen, faire Entscheidungen zu treffen.
ABB: Welchen Herausforderungen begegnen Sie bei der Erforschung sozialer Verantwortung?
JG: Kinder wissen viel über Fairness und Gleichberechtigung. Sie haben hohe Ansprüche und wollen gerecht sein. Sie haben aber auch viele andere Sorgen, weshalb sie nicht immer fair handeln. In einer typischen Klasse werden ein oder zwei Kinder ausgeschlossen, sodass ein Widerspruch zwischen der großen Sorge, die Kinder um ihre Mitschüler äußern, und ihrem tatsächlichen Verhalten bestehen kann. Wir müssen Kinder im Unterricht beobachten, um ihr Verhalten wirklich zu verstehen – wir können uns nicht allein auf ihre Reaktionen auf Bildergeschichten verlassen. Das führt zu einer weiteren Herausforderung: der Analyse der riesigen Datenmengen, die durch die Beobachtungen entstehen. Wir beginnen, mit KI zu arbeiten, um dieses Problem zu lösen.
„Kinder wissen viel über Fairness und Gleichheit. Sie haben sehr hohe Ansprüche und wollen gerecht sein.“
ABB: Welche Rolle spielt KI?
JG: Biologen haben beispielsweise KI-Methoden zur Tierbeobachtung entwickelt. Dadurch können sie Tiere in freier Wildbahn mithilfe von KI filmen, anstatt selbst stundenlang in der Natur unterwegs zu sein. Wir haben viel von diesen Wissenschaftlern gelernt und mit ihnen zusammengearbeitet, um ihre Methoden für die Beobachtung von Kindern im Klassenzimmer anzupassen.
Wir können verfolgen, wohin Kinder schauen, ihr Verhalten beobachten, ihre Körperbewegungen analysieren und feststellen, ob sich die Verhaltensweisen der einzelnen Kinder synchronisieren. Kinder mit synchronisierten Verhaltensweisen arbeiten in der Regel gut zusammen. Wenn sich die Verhaltensweisen eines Kindes nicht mit denen der anderen Kinder synchronisieren, kann dies ein Hinweis darauf sein, dass es sich nicht als Teil der Gruppe fühlt. Eine erste Analyse von nur zehn Minuten Kindergesprächen ergab, dass ein Kind seine Verhaltensweisen mit denen der anderen Kinder nicht synchronisierte – es arbeitete nicht mit den anderen zusammen und hatte das Gefühl, nicht wirklich zur Klasse zu gehören.
Ich hoffe, diese Informationen helfen Lehrkräften, die Vorgänge in ihren Klassenzimmern besser zu verstehen. Lehrkräfte sind nicht nur für das Lernen der Kinder verantwortlich, sondern auch dafür, dass sich alle Kinder als Teil der Klasse fühlen. Es ist für Lehrkräfte schwierig, diese Dynamiken im Klassenzimmer zu beobachten, und Technologien wie KI könnten sie in Zukunft unterstützen. Ich kann mir vorstellen, dass sie dazu beitragen, Gruppenaktivitäten zu planen und sicherzustellen, dass alle einbezogen werden und sich zugehörig fühlen.
ABB: Wie können Lehrer Kindern helfen, Fairness zu entwickeln?
JG: Lehrer spielen eine große Rolle dabei, Einfluss darauf zu nehmen, wie fair und inklusiv Eine Klasse ist ein Vorbild dafür, wie man mit anderen umgeht und kann dazu beitragen, inklusive Normen zu etablieren, beispielsweise indem sie mit der Klasse darüber sprechen, wie man sicherstellt, dass sich alle zugehörig fühlen, und indem sie auf Konflikte zwischen Schülern eingehen. Darüber hinaus fördern Gespräche über Gerechtigkeit im Alltag Perspektivenwechsel und Empathie. Lehrer könnten ihre Schüler beispielsweise fragen: „Ist es fair, jemanden auszuschließen, weil er nicht in die Gruppe passt oder in etwas weniger gut ist? Wie fühlt sich ein ausgeschlossenes Kind?“ Lehrer können aufzeigen, dass Alltagssituationen komplex sind und auf Sorgen über Leistungsdruck durch Gleichaltrige oder in der Schule eingehen. Sie können Schüler dabei unterstützen, über mögliche Handlungsoptionen nachzudenken und sie beispielsweise dazu anregen, zu fragen: „Was kann ich tun, wenn andere Kinder gemein zu jemandem sind?“
„Diskussionen über Gerechtigkeit im Alltag fördern Perspektivenwechsel und Empathie.“
Es ist wichtig, dass Lehrkräfte die sozialen Dynamiken in ihren Klassen verstehen und sich (potenzieller) Freundschaften, Cliquen oder Hierarchien bewusst sind, wenn sie Sitzpläne erstellen oder Gruppen für Unterrichtsaktivitäten zusammenstellen. Bestimmte Gruppenaktivitäten können Kindern und Jugendlichen verdeutlichen, wie sich die Dynamik einer Gruppe von der einer anderen unterscheiden kann, und ihnen Gelegenheiten bieten, soziale Verantwortung gegenüber ihren Mitschülern zu übernehmen.
Fußnoten
Jeanine Grütter wurde 2016 mit ihrem Doktortitel in Psychologie ausgezeichnet. Als Entwicklungs- und Pädagogische Psychologin leitet sie mehrere interdisziplinäre Längsschnittstudien in verschiedenen kulturellen Kontexten. Diese Studien konzentrieren sich auf die soziale und moralische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, ihre Beziehungen zu Gleichaltrigen sowie die Entstehung eines Zugehörigkeitsgefühls und einer Identität innerhalb der Gruppe. Jeanine ist eine Jacobs Foundation Forschungsstipendiat 2023-2025.
Dieses Interview wurde aus Gründen der Übersichtlichkeit bearbeitet.