Der Leiter einer weiterführenden Schule, Walter Strasser, spricht darüber, wie er und sein Lehrerteam den Lehrplan ihrer Schule umgestaltet haben, um thematische Bezüge zur realen Welt widerzuspiegeln.

Caroline Smrstik Gentner: Was hat Sie dazu bewogen, den gesamten Lehrplan der Schule zu ändern und die Unterrichtspläne durch thematische Bereiche zu ersetzen?

Walter Strasser: Vor zehn Jahren führten wir anstelle des fachorientierten Unterrichts sogenannte „Lernlandschaften“ ein. Diese Umstellung legte mehr Wert auf selbstständiges Lernen und Reflektieren der Schüler, begleitet von Lehrkräften als Lerncoaches. Anstelle traditioneller Klassen unterrichten wir in Lerngruppen, die nach Art und Niveau des jeweiligen Themas strukturiert sind. Dieser Ansatz ermöglicht individuelleres Lernen sowie thematische Projektwochen und Exkursionen während der dreijährigen Sekundarstufe I. Lehrplan 21 – Eine Initiative zur Harmonisierung des Schulcurriculums in der deutschsprachigen Schweiz – wurde 2017 in unserem Kanton eingeführt. Wir sahen darin eine Chance, das Curriculum zu analysieren und etwas zu schaffen, das auf unserem erfolgreichen „Landschaftsmodell“ aufbaut. Wir beschlossen, interdisziplinäre Themenbereiche zu schaffen, die wir „Lernfelder“ nennen.

CSG: Wie haben Sie diese Themenbereiche erstellt, und wie viele sind nötig, um den im Lehrplan geforderten Stoff abzudecken?

WS: Wir haben die Kompetenzen analysiert, die Schülerinnen und Schüler gemäß dem neuen Lehrplan und den verpflichtenden Schulfächern entwickeln sollen, und diese anschließend in Themenbereiche gruppiert. Der Bereich „Nachhaltige Entwicklung“ umfasst beispielsweise Inhalte aus Naturwissenschaften und Technik, Mathematik und Hauswirtschaft – sowie aus angewandten Medienwissenschaften und Informatik. In einem Themenbereich lernen die Schülerinnen und Schüler, wie Statistiken hergeleitet und im Kontext interpretiert werden; in einem anderen sollen sie ihre Arbeit präsentieren und eine PowerPoint-Präsentation erstellen. Wir planen, bis 2022 33 verschiedene Lernfelder einzuführen und erproben die ersten bereits im laufenden Schuljahr.

CSG: Die Umstrukturierung des Standardlehrplans erfordert enorme Anpassungen sowohl von Schülern als auch von Lehrern. Wie kommen sie bisher damit zurecht?

WS: Alle 25 Lehrkräfte arbeiten seit zwei Jahren an diesem Projekt und haben sich verpflichtet, es zum Erfolg zu führen. In der Vergangenheit lag der Fokus der Schulentwicklung stets auf der Struktur, heute wird der Inhalt stärker betont, was die Lehrkräfte vor neue Herausforderungen stellt. Man kann sich nicht mehr allein auf das Lehrbuch verlassen – man muss Material aus verschiedenen Lehrbüchern zusammenführen, offen für kollegiales Lernen sein und außerunterrichtliche Lernangebote einbeziehen usw. Es erfordert viel Mühe und Mut, von den traditionellen 45-Minuten-Unterrichtsblöcken abzuweichen und neue Wege zu gehen, aber es eröffnet völlig neue Perspektiven. Wir entdecken gerade wieder, wie vielseitig Unterricht sein kann.

Die Studierenden schätzen es, sich länger mit einem einzigen Thema beschäftigen zu können, da ihnen dies mehr Raum und Zeit zum Lernen gibt. Sie ziehen es vor, drei oder vier Stunden am Tag mit demselben Thema zu verbringen, anstatt siebenmal täglich ihren Fokus auf etwas anderes richten zu müssen.

„Es erfordert viel Mühe und Mut, von den traditionellen 45-Minuten-Unterrichtsblöcken abzuweichen und die Dinge anders anzugehen, aber es eröffnet eine völlig neue Perspektive.“

CSG: Warum sind thematische Bereiche besser geeignet, Schüler auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts vorzubereiten?st Jahrhundert?

WS: Zum einen gibt es den digitalen Aspekt: ​​Medienwissenschaft und Informatik sind in jedes Lernfach integriert. Computer werden nicht nur im Unterricht eingesetzt, sondern auch für Recherchen, Filmproduktionen, Präsentationen und Datenmanagement. Ziel ist es, den Computer als praktisches Werkzeug zu nutzen. Die Schüler lernen, dass er nicht nur für bestimmte Aktivitäten wie Spiele gedacht ist, sondern ein unverzichtbarer Bestandteil des Alltags.

Wenn ich Studierende auffordere, Informationen zu recherchieren, müssen sie in der Lage sein, online nach relevanten Materialien zu suchen und anschließend zu beurteilen, ob die gefundenen Materialien und Quellen zuverlässig sind. Es geht um handlungsorientiertes Lernen – eine Fähigkeit, die Studierende im Berufsleben benötigen.

Unser Ziel ist es, den Schülern die nötigen Werkzeuge an die Hand zu geben, um komplexe Themen zu bewältigen. Sie müssen lernen, ein Thema zu analysieren und wieder zusammenzusetzen, um ein tieferes Verständnis dafür zu erlangen. Dieser Ansatz lehrt die Schüler, Zusammenhänge zwischen verschiedenen Bereichen zu erkennen – eine Fähigkeit, die sie ihr ganzes Leben lang brauchen werden.

Fußnoten

Walter Strasser ist Schulleiter der Sekundarschule Müllheim im Kanton Thurgau in der Nordostschweiz. Er und seine Schule gehören zu den Pädagogen 2020 Preisträger. "LoPro Sek Müllheim TG” Das Lokalprojekt des Kantons Thurgau an der Sekundarschule Müllheim steht unter der strategischen Leitung der örtlichen Schulbehörde (Präsident: Rolf Seltmann) und wird von der kantonalen öffentlichen Schulverwaltung (Schulinspektor Roland Bosshart und Schulentwicklungsleiter Xavier Monn) finanziell unterstützt. Die Projektleitung vor Ort übernimmt Dr. Heinz Hafner.

Die Sekundarschule Müllheim ist eine öffentliche Sekundarschule in Müllheim, Schweiz, die Schüler im Alter von 12 bis 15 Jahren auf den Eintritt in ein anspruchsvolles öffentliches Gymnasium oder eine spezialisierte Berufsausbildung vorbereitet.

„LoPro Sek Müllheim TG“ ist eines von zehn Projekten in der Schweiz, die von der Educreators Foundation im Wettbewerb „Shapers of the Future 2020“ ausgezeichnet wurden. Die prämierten Projekte nutzen die digitale Transformation als Chance, inspirierende Lernumgebungen zu schaffen. Die Initiative ist eine Kooperation zwischen der Gebert Rüf Stiftung und der Educreators Foundation. Jacobs Foundation, die Mercator Stiftung Schweiz, die Beisheim Stiftung und movetia.