Natalia Kucirkova ist Alphabetisierungsforscherin an der Universität Stavanger und an der Open University. Sie untersucht soziale Gerechtigkeit in der frühkindlichen Alphabetisierung und konzentriert sich dabei auf die Rolle von Technologie im Kinderbereich Lesen und AgenturSie untersucht außerdem, wie Kinder beim Lesen ihre Sinne einsetzen. Annie Brookman-Byrne spricht mit Natalia über Veränderungen in der Leseforschung – und über eine mögliche Zukunft, in der Kinder mit essbaren Büchern lernen.

Annie Brookman-Byrne: Viele Erwachsene fragen sich, ob gedruckte oder digitale Bücher besser für Kinder geeignet sind. Was sagt die Forschung dazu?

Natalia Kucirkova: Zahlreiche Studien haben gedruckte und digitale Bücher verglichen, aber was wirklich zählt, ist warum, wie und was Kinder lesenEs ist mittlerweile allgemein anerkannt, dass der Vergleich von gedruckten Büchern mit digitalen Büchern einem Vergleich von Äpfeln und Birnen gleichkommt, insbesondere da sich digitale Medien ständig weiterentwickeln.

Statt eines solchen Vergleichs konzentrieren wir uns nun auf die Untersuchung spezifischer Merkmale der einzelnen Medien. Die Forschenden versuchen zu verstehen, wie verschiedene Funktionen mit dem Lesezweck übereinstimmen. Helfen interaktive Elemente Kindern beispielsweise, mehr zu lernen? Wir betrachten außerdem die individuellen Vorlieben und Bedürfnisse einzelner Kinder sowie die Kontextfaktoren des Lesens, wie etwa die Umgebung und die Unterstützung durch Erwachsene.

ABB: Über welche Aspekte des Lesens möchten Sie am liebsten mehr erfahren?

NK: Ich bin fasziniert vom sogenannten „sensorischen Lesen“. Kinder sehen sich mit einer überwältigenden Auswahl an digitalen Büchern konfrontiert, die mit Multimedia-Funktionen gespickt sind und die Sinne mit intensiven Bildern, Tönen und interaktiven Elementen überfluten. Ich untersuche die sensorischen Präferenzen von Kindern beim Umgang mit verschiedenen Bucharten, Inhalten und Formaten. Wie beeinflussen die Entscheidungen der Kinder hinsichtlich der einzusetzenden Sinne ihr Leseverhalten? Diese Entscheidungen sind sehr wichtig, da sie Kindern helfen können, ihre Leseziele zu erreichen. Die Fähigkeit, optimale Entscheidungen zu treffen, die ein ausgewogenes Zusammenspiel der Sinne herstellen, ist entscheidend für die Entwicklung differenzierter und reflektierter Leser.

„Wie beeinflussen die Entscheidungen von Kindern darüber, welche Sinne sie einbeziehen, ihr Lesevermögen?“

ABB: Wie geht Ihre Forschung über Sehen, Hören und Tasten hinaus und bezieht andere Sinne mit ein?

NK: Um ein Beispiel zu nennen: In einer kürzlich durchgeführten Studie im halbstädtischen Malawi untersuchte ich den Einfluss des Geruchssinns auf die mündlichen und schriftlichen Erzählungen von Kindern in lokalen Schulklassen. Die Erfahrungen dieser Kinder unterscheiden sich stark von denen in Norwegen, wo der Großteil meiner Forschung zum Thema Geruchssinn beim Lesen stattfand. Die Geruchspräferenzen von Kindern sind teils angeboren, teils kulturell geprägt und werden durch alltägliche Erfahrungen in ihrer Umgebung beeinflusst. Dies ist ein spannender neuer Forschungsansatz; traditionelle Lese- und Schreibstudien neigen dazu, Unterschiede anhand von Lese- und Schreibleistungen oder Lesemotivation zu betrachten, anstatt Aspekte wie den Einfluss von Umgebungsgerüchen auf das Leseerlebnis zu untersuchen.

Wenn es darum geht, die Bedeutung der verborgenen Sinne – jener, die man üblicherweise nicht mit Lesen in Verbindung bringt – für das Leseerlebnis von Kindern zu verstehen, stehen wir erst am Anfang. Ich freue mich darauf, nicht nur den Geruchssinn, sondern auch den Geschmackssinn und die Propriozeption – unsere Körperwahrnehmung – zu erforschen. Es gibt noch so viele offene Fragen.

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ABB: Was bringt die Zukunft für dieses Forschungsgebiet?

NK: Ich hoffe, dass die Forschung künftig die körperlichen Erfahrungen beim Lesen stärker in den Fokus rückt. Ich wünsche mir, dass die Leseforschung anerkennt, dass Lesen den ganzen Körper einbezieht und nicht nur ein kognitiver Prozess im Gehirn ist. Das wird uns helfen, besser zu verstehen, wie Lesen mit anderen Lebenskompetenzen zusammenhängt und wie es das kognitive, soziale, emotionale und allgemeine Wohlbefinden beeinflusst.

„Im heutigen Zeitalter der automatisierten Inhaltserstellung ist es entscheidend, dass Kinder eine aktivere Rolle bei den für sie entwickelten Ressourcen spielen.“

ABB: Wie könnten Bücher in Zukunft die verborgenen Sinne effektiv anregen?

NK: Ein faszinierendes Konzept sind essbare Bücher. Hergestellt aus getrockneten Gemüseschalen, würden sie die Geschmacksknospen von Kindern direkt anregen und sie gleichzeitig in eine spannende Geschichte – zum Beispiel über Brokkoli – eintauchen lassen. Das könnte sowohl gesunde Ernährung als auch gesunde Lesegewohnheiten fördern. Ich hoffe, dass solche essbaren Bücher bald entwickelt werden und Kinder wie Erwachsene dazu inspiriert werden, mit verschiedenen Materialien eigene Geschichten zu erfinden. Ich habe das mit meinen eigenen Kindern schon gemacht und dafür Obst, Gemüse und Reismehl verwendet.

Im heutigen Zeitalter der automatisierten Inhaltserstellung ist es entscheidend, dass Kinder eine aktivere Rolle bei der Gestaltung der für sie entwickelten Lernmaterialien einnehmen. Indem wir herkömmliche Vorstellungen von Lesekompetenz hinterfragen und beim Lesen die Sinne Sehen, Hören, Schmecken, Riechen, Tasten und die Propriozeption der Kinder ansprechen, können wir ihnen Selbstbestimmung ermöglichen und ihre Entwicklung fördern. Lesefreude auf bisher unerforschte Weise.

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Fußnoten

Lesen Sie mehr über Natalias Forschung zu Sinnesbüchern auf der Webseite der Universität Stavanger.

Natalia Kucirkova Natalia ist Professorin für frühkindliche Bildung und Entwicklung an der Universität Stavanger, Norwegen, und Professorin für Lesen und kindliche Entwicklung an der Open University, Großbritannien. Ihre Arbeit befasst sich mit sozialer Gerechtigkeit in der kindlichen Lese- und Schreibkompetenz sowie im Umgang mit Technologien. Sie ist Gründerin des International Collective of Children's Digital Books, das Forschung und Entwicklung im Bereich digitaler Kinderbücher und Lese-Apps vernetzt, und Vorsitzende des Children's Digital Book Award, des ersten Preises, dessen Jury ausschließlich aus Lehrkräften besteht. Ihre Forschung findet in Kooperation mit Hochschulen, Unternehmen und gemeinnützigen Organisationen statt. Jacobs Foundation Forschungsstipendiat 2021-2023.

Dieses Interview wurde aus Gründen der Übersichtlichkeit bearbeitet.

Ein Kommentar

  1. Dies war eine faszinierende Lektüre. In einer Welt, die vom Technologiefokus geprägt ist, freut es mich, dass Wissenschaftler auch erforschen, was uns menschlich macht – unsere Sinne! Herzlichen Glückwunsch an Professorin Kucirkova für ihren Einsatz für eine neue Ära der frühkindlichen Bildung und Forschung.

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