Sollten Politiker Angst vor einer Reform des Bildungssystems haben?
Die Deutschen befürworten grundsätzlich Bildungsreformen. Warum sind diese Reformen dann so schwer umzusetzen? Für eine erfolgreiche Bildungspolitik ist es unerlässlich, der Öffentlichkeit Informationen bereitzustellen, um die Unterstützung der Wähler zu gewinnen.
Warum ist unser Bildungssystem so, wie es ist? Warum werden Kinder in Deutschland schon so früh, früher als in den meisten anderen Ländern, in verschiedene Schulen eingeteilt? Warum sind die Abschlussprüfungen für die drei Stufen der deutschen Sekundarstufe – Hauptschulabschluss, Realschule und Gymnasium – Nicht bundesweit standardisiert? Warum fehlen uns qualitativ hochwertige Daten, um die Schülerleistungen in den verschiedenen Bundesländern zu vergleichen? Und warum müssen viele Eltern Gebühren für den Besuch einer Vorschule zahlen, obwohl Universitäten in der Regel gebührenfrei sind?
Sind wir optimistisch, können wir hoffen, dass unser Bildungssystem von Forschungsergebnissen zur optimalen Lernförderung geprägt wird. Sind wir realistisch, vergleichen wir die gegenwärtigen Praktiken mit wissenschaftlichen Erkenntnissen über die besten Methoden. Die Ergebnisse eines solchen Vergleichs sind ernüchternd. Viele Aspekte unseres aktuellen Systems ähneln kaum oder gar nicht den Empfehlungen der Forschung der letzten Jahrzehnte.
Die Diskrepanz zwischen Ist- und Soll-Zustand wird häufig auf ein Zusammenspiel politischer Kräfte und der öffentlichen Meinung zurückgeführt. Möglicherweise lehnen Wähler bestimmte Reformen schlichtweg ab. Ein Beispiel hierfür ist der Reformvorschlag für das Hamburger Schulsystem aus dem Jahr 2010, der unter anderem eine Verlängerung der Grundschulzeit von vier auf sechs Jahre vorsah. In einer Volksabstimmung lehnten die Bürger zentrale Elemente dieses Vorschlags ab, obwohl er von allen vier Parteien im Hamburger Landtag einstimmig befürwortet worden war. Die Reform des Hamburger Schulsystems scheiterte letztlich an der Ablehnung in der Bevölkerung.
Die Mehrheit der Deutschen befürwortet bestimmte Reformen.
Um die politischen und wirtschaftlichen Prozesse im deutschen Bildungssystem und damit auch das Ausmaß der Reformmöglichkeiten besser zu verstehen, müssen wir wissen, was die Öffentlichkeit über Bildungspolitik denkt. Dies ist der Schwerpunkt der jährlichen Umfrage. Ifo-Bildungsstudie, die unter der Leitung von Prof. Ludger Wößmann seit 2014 von der Zentrum für Bildungsökonomie am ifo Institut der Universität MünchenAls repräsentative Umfrage unter der erwachsenen Bevölkerung Deutschlands zeigt sie, was die Menschen über eine Vielzahl wichtiger politischer Themen denken.

Insgesamt scheint klar, dass die deutsche Bevölkerung bereit für eine Reihe bedeutender Reformen ist, die alle Bereiche von der frühkindlichen Bildung bis hin zu den Universitäten betreffen. Das sind sehr gute Nachrichten für Reformbefürworter. Die Umsetzung populärer Reformen, die nachweislich positive Auswirkungen auf den Lernerfolg haben (und es gibt zahlreiche Beispiele), kommt sowohl den Schülern selbst als auch der gesamten Gesellschaft zugute. Auch Politiker profitieren davon. Reformen mit breiter Zustimmung schmälern die Wiederwahlchancen von Politikern kaum. Es bleibt zu hoffen, dass die öffentliche Unterstützung für bestimmte Reformen Politiker dazu bewegen wird, Maßnahmen zur Verbesserung unseres Bildungssystems zu ergreifen. In einigen Bereichen befürworten die meisten Deutschen grundlegende Reformen.
Große Mehrheit für Veränderungen in der frühkindlichen Bildung
Frühkindliche Bildungs- und Betreuungseinrichtungen wie Kindertagesstätten sind fester Bestandteil des deutschen Bildungssystems geworden, doch die Eltern müssen einen Teil der Kosten tragen. Eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung (77 Prozent) befürwortet eine Reform dieses Systems und wünscht sich, dass die Kosten aus Steuermitteln gedeckt werden. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Qualitätssicherung in Kindertagesstätten und Vorschulen. 86 Prozent der Bevölkerung sprechen sich für die Einführung verbindlicher Qualitätsstandards aus, beispielsweise für die bundesweite Standardisierung der Mitarbeiterschulungen und Gruppengrößen.
Einigkeit über die Notwendigkeit einer Schulreform
Die ifo-Bildungsstudie hat gezeigt, dass die deutsche Bevölkerung eine Schulreform befürwortet. In den meisten Bundesländern besteht Schulpflicht in dem Bezirk, in dem die Familie wohnt; 64 Prozent der Befragten möchten diese Pflicht abschaffen. Auch das Einschulungsalter ist ein Thema: Eine Mehrheit (63 Prozent) ist der Ansicht, dass Eltern die Möglichkeit haben sollten, den Schuleintritt ihres Kindes zu verschieben.
Reformer möchten auch Ganztagsschulen ausweiten. Es gibt breite Unterstützung für die bundesweite Einführung von Ganztagsschulen; eine absolute Mehrheit ist der Ansicht, dass Deutschland sich in Richtung eines Ganztagsschulsystems bewegen sollte, bei dem die Kinder täglich bis 15 oder 16 Uhr in der Schule bleiben.
Dies sind nur einige Beispiele für populäre Reformvorschläge, die im Ifo-Bildungsbericht ermittelt wurden. Die meisten Deutschen befürworten außerdem eine bundesweite Vereinheitlichung von Abschlussprüfungen, Studiengebühren und Lehrergehältern.
Information ist der Schlüssel zur politischen Unterstützung
Darüber hinaus untersuchte das Ifo-Bildungsinstitut, ob Informationen die öffentliche Meinung beeinflussen können. Dies geschieht mithilfe von Umfrageexperimenten: Einer Zufallsstichprobe von Befragten werden relevante Informationen zur Verfügung gestellt, bevor sie eine Frage beantworten, die auch einer Kontrollgruppe ohne diese Informationen gestellt wird. Nachdem die Befragten darüber informiert wurden, dass zahlreiche Studien positive Auswirkungen frühkindlicher Bildung auf den späteren Erfolg von Kindern belegen, sprachen sie sich deutlich häufiger für die Abschaffung der Vorschulgebühren aus.
Nachdem die Befragten über die aktuellen Bildungsausgaben informiert wurden, sank ihre Zustimmung zu zusätzlichen Ausgaben. Und als sie Informationen über die Einkommen von Hochschulabsolventen im Vergleich zu Absolventen beruflicher Ausbildungsprogramme (Lehrlingsausbildungen) erhielten, wandelte sich die zuvor bestehende Mehrheit gegen Studiengebühren in eine Mehrheit für diese. Es ist also deutlich, dass Informationen die öffentliche Unterstützung für Bildungsreformen erheblich beeinflussen können.
Politiker könnten davon profitieren, sich für Bildungsreformen einzusetzen.
Eine Kombination aus politischen Kräften und der öffentlichen Meinung hat möglicherweise die Umsetzung längst überfälliger Reformen des deutschen Bildungssystems verhindert. Die ifo Bildungsstudie hat Reformen identifiziert, die die meisten Deutschen befürworten würden, und gezeigt, wie wichtig Informationen für die Meinungsbildung sind. Diese Ergebnisse sind ermutigend, da sie darauf hindeuten, dass Politiker mit einer Mehrheit für eine Reihe von Reformen rechnen können, die die Qualität der Bildung in Deutschland verbessern würden. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Wissen sie zum Handeln motiviert.
Fußnoten
Patrick Maus und Katharina Werner Zu diesem Artikel beigetragen.
Aus Platzgründen enthält dieser Artikel nur einige wenige der Ifo-BildungsstudieDie Ergebnisse der jüngsten Umfrage wurden im September 2016 veröffentlicht und konzentrierten sich auf die Meinungen von Lehrkräften und Möglichkeiten zur Integration von Geflüchteten in das Bildungssystem. Die Umfrage soll in den kommenden Jahren fortgesetzt werden und die Rolle der öffentlichen Meinung in der Bildungspolitik weiter beleuchten.
Referenzen
Lergetporer, P., Schwerdt, G., Werner, K., & Wößmann, L. (2016). Information und Präferenzen für öffentliche Ausgaben: Erkenntnisse aus repräsentativen Umfrageexperimenten. CESifo Arbeitspapier(9968).
Wößmann, L., Lergetporer, P., Kugler, F. & Werner, K. (2014). Was die Deutschen über die Bildungspolitik denken – Ergebnisse des ersten ifo Bildungsbarometers. Ifo Schnelldienst, 67(18), 16-33.
Wößmann, L., Lergetporer, P., Kugler, F., Oestreich, L. & Werner, K. (2015). Deutsche sind zu grundlegenden Bildungsreformen bereit – Ergebnisse des ifo Bildungsbarometers 2015. Ifo Schnelldienst, 68(17), 29-50.
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