Rosa Cheesman untersucht, wie Kinder genetische Veranlagungen Sie interagieren mit ihren Familien, Schulen und Gemeinschaften, um ihre psychische Gesundheit und Lernen. Ihre Arbeit verbindet Genetik mit Entwicklungspsychologie, Soziologie sowie umfangreichen Verwaltungs- und Umfragedaten. Annie Brookman-Byrne erfährt mehr.

Annie Brookman-Byrne: Wie kann uns die Genetikforschung helfen, Kindern zu einem gesunden Leben zu verhelfen?
Rosa Cheesman: Die Genetik hilft uns zu verstehen, wie Klassenzimmer, Unterrichtsmethoden und familiäre Umgebungen die Entwicklung von Kindern beeinflussen.

Ich versuche nicht, die Zukunft von Kindern anhand ihrer DNA vorherzusagen. Vielmehr nutze ich die Genetik, um zu verdeutlichen, wie wichtig die Umwelt ist und um die Rahmenbedingungen zu identifizieren, die verschiedenen Kindern am besten helfen, sich optimal zu entwickeln. Bildung sollte sich an den Stärken und Bedürfnissen der Kinder orientieren, nicht umgekehrt.

„Bildung sollte sich an die Stärken und Bedürfnisse der Kinder anpassen, nicht umgekehrt.“

Meine Arbeit untersucht, wie biologische Variation mit sozialen und schulischen Kontexten interagiert. Beispielsweise konnte ich zeigen, dass ein unterstützendes Schulumfeld Kindern helfen kann, die sonst aufgrund von … Schwierigkeiten hätten. genetische Veranlagung für ADHSIch untersuche derzeit die konkreten Praktiken und Strukturen, die Kindern die benötigte Unterstützung bieten. Norwegens umfangreiche Dateninfrastruktur ermöglicht es mir, die Wechselwirkungen zwischen Unterrichtsmethoden, Schulqualität und Nachbarschaftsmerkmalen mit genetischen Einflüssen äußerst detailliert zu analysieren.

ABB: Welche weiteren Themen beschäftigen Sie in Ihrer Forschung?
RC: Ich untersuche, wie die Gene der Eltern die Kinder beeinflussen durch die Umgebungen schaffen ElternGemeinsam mit meiner Zwillingsschwester, der Anthropologin Margie Cheesman, beginne ich ein Projekt zu den sozialen Bedeutungen und Fehlinterpretationen genetischer „Scores“. Angesichts der rasanten Entwicklung von Direktvertriebs-Genetiktests, Embryonenselektion und Vorschlägen zum Einsatz genetischer Scores im Bildungsbereich ist es von entscheidender Bedeutung zu verstehen, wie die Gesellschaft Genetik wahrnimmt.

Kürzlich untersuchte ich, wie die Genetik die Individuen beeinflusst Berufliche InteressenViele Forschungsarbeiten haben sich einseitig auf Leistung oder Erfolg konzentriert; ich möchte unseren Blickwinkel erweitern, um die vielfältigen Neigungen von Kindern und deren Wechselwirkung mit ihrer Umwelt zu erfassen.

Letztendlich möchte ich die mit folgenden Bereichen verbundenen Lücken im Lernen und Wohlbefinden verringern: Neurodiversität und sozioökonomische Benachteiligung. Dies erfordert die Berücksichtigung der Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes und kann nicht mit einheitlichen Bildungspolitiken erreicht werden.

„Ich möchte die mit Neurodiversität und sozioökonomischer Benachteiligung verbundenen Bildungs- und Wohlbefindenslücken verringern.“

ABB: Wie hat sich das Studium der Genetik verändert?
RC: Das Forschungsfeld hat sich grundlegend von simplen Debatten über Anlage versus Umwelt gewandelt. Wir untersuchen heute das Zusammenspiel von Genen und Umwelt (einschließlich nicht nur der elterlichen Erziehung, sondern auch von Schulen und geografischen Regionen), da die Entwicklung von beidem geprägt wird. Große, vielfältige Datensätze ermöglichen es uns nun zu untersuchen, wie Familien, Schulen und Gemeinschaften mit genetischen Veranlagungen interagieren.

Die Genetik hat erkannt, dass Komplexität ein inhärentes Merkmal sozialer und entwicklungsbedingter Eigenschaften ist. Genetische Zusammenhänge mit Ergebnissen spiegeln nicht nur biologische Gegebenheiten wider, sondern auch die Organisation von Gesellschaften und den Bildungsweg von Menschen.

Wir haben uns von Zwillingsstudien abgewandt, deren genetische Ähnlichkeit uns half, die Rolle der Gene zu verstehen. Heute nutzen wir zunehmend ausgefeilte DNA-basierte Methoden mit größeren, repräsentativeren Stichproben von Kindern, um die Wechselwirkungen zwischen Genen und Umwelt zu untersuchen. Ich erforsche Familien, nicht nur Einzelpersonen oder Zwillinge, was zu einem besseren Verständnis darüber führt, wie genetische und soziale Prozesse die Lebensergebnisse beeinflussen.

Schließlich widmen Wissenschaftler der Vergangenheit ihres Fachgebiets mehr Aufmerksamkeit. Die Genetik birgt eine dunkle Geschichte des Missbrauchs, und die Bereitschaft, diese Geschichte offen anzuerkennen, hat das Fachgebiet gestärkt. Ich hoffe, dass zukünftige Arbeiten zunehmend auf ethischer Reflexion und öffentlicher Verantwortung basieren werden.

ABB: Was sind die größten Rätsel der Genetik?
RC: Das größte Rätsel sind die genauen Mechanismen, durch die die Gene von Kindern ihr Lernen über entwicklungsbedingte und umweltbedingte Wege beeinflussen. Wenn Schulen beispielsweise die Auswirkungen einer genetischen Veranlagung zu ADHS abmildern, welche Faktoren sind dann ausschlaggebend – Strukturen, Pädagogik, Gruppendynamik oder Erwartungen? Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir die Umwelt genauso gründlich untersuchen wie die Gene.

„Wenn es um Bildung und kindliche Entwicklung geht, müssen wir dringend ethische und soziale Probleme antizipieren, bevor die Technologien die Politik überholen.“

Eine noch offene Frage ist, wie der verantwortungsvolle Einsatz genetischer Werkzeuge sichergestellt werden kann. Mit zunehmender Vorhersagekraft von Genen werden sich Anwendungsgebiete jenseits des Gesundheitswesens ergeben. Die Frage ist nicht, ob diese Werkzeuge existieren werden, sondern wie Gesellschaften sie regulieren und wer die Grenzen festlegt. Gerade im Bereich Bildung und kindliche Entwicklung müssen wir ethische und soziale Probleme dringend antizipieren, bevor die Technologie die Politik überholt. Mein Ziel ist es, ein Bildungskonzept zu fördern, das den unterschiedlichen Lernbedürfnissen gerecht wird, anstatt Kinder in Kategorien einzuteilen.

Eine zentrale Herausforderung besteht schließlich darin, zu verstehen, inwieweit Forschungsergebnisse kontextübergreifend verallgemeinert werden können. Die Beziehungen zwischen Genen und Umwelt unterscheiden sich je nach Kultursystem und politischem Rahmen. Um die Ursachen dieser Unterschiede zu verstehen, sind vielfältige internationale Datensätze und interdisziplinäre Zusammenarbeit erforderlich.

ABB: Welche Hoffnungen haben Sie für die Zukunft der Genetik?
RC: Ich hoffe, dass sich das Fachgebiet weiterhin mit Komplexität auseinandersetzt, anstatt nach übermäßig vereinfachten Erklärungen für genetische Einflüsse zu suchen. Der Fortschritt wird davon abhängen, Genetik mit fundierten Sozialwissenschaften, Entwicklungstheorie und ethischen Überlegungen zu integrieren – und neue Forscher so auszubilden, dass sie sich in diesen Schnittstellen zurechtfinden.

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Meine Vision für die Lern- und Bildungswissenschaft ist, dass die Genetik primär dazu dient, Umgebungen zu verstehen und Inklusion zu verbessern, anstatt Kinder zu bewerten oder zu kategorisieren. Dies bedeutet, Forschung gemeinsam mit Pädagogen, Klinikern, Familien und jungen Menschen zu betreiben, eine vielfältige Repräsentation in den Datensätzen sicherzustellen und Governance und Chancengleichheit in das Forschungsdesign zu integrieren.

Letztendlich wünsche ich mir, dass die Genetik zu einer Zukunft beiträgt, in der die Individualität der Kinder im Mittelpunkt steht und Umgebungen gezielt so gestaltet werden, dass sie allen Kindern ein optimales Gedeihen ermöglichen.

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Fußnoten

Rosa Cheesmans Forschung untersucht, wie die Genetik von Kindern, ihre Familien, Schulen und Nachbarschaften zusammenwirken und so das Lernen prägen. Mithilfe umfangreicher und vielfältiger Datensätze wendet sie neuartige und interdisziplinäre Ansätze an, um die zahlreichen Interaktionsformen von Individuen mit ihrer Umwelt zu erfassen. Rosa absolvierte ihr Bachelor- und Doktoratsstudium in Humanwissenschaften an der Universität Oxford und in Sozial-, Genetik- und Entwicklungspsychiatrie am King’s College London. Derzeit arbeitet sie in Norwegen bei PROMENTA, einem neuen interdisziplinären Forschungszentrum. Jacobs Foundation Forschungsstipendiat 2024-2026.

Rosas Hochschulprofil, Jacobs Foundation profileund Rosa auf X.

Dieses Interview wurde aus Gründen der Übersichtlichkeit bearbeitet.