Das Aufkommen der Individualität
Jenseits von Natur und Erziehung
Wie entwickeln sich Menschen zu individuellen Persönlichkeiten? Diese Frage steht im Mittelpunkt einer Debatte, die Psychologen seit langem beschäftigt. Letztendlich läuft alles auf eine einfache Dichotomie hinaus: Anlage oder Umwelt?
Anders ausgedrückt: Sind es Ihre angeborenen Eigenschaften („Natur“) oder Ihre Erziehung und Erfahrungen („Umwelt“), die Ihre Individualität prägen? Im vergangenen Jahrhundert favorisierten Argumente oft entweder die eine oder die andere der beiden Extreme – entweder die Umwelt-Ansicht, also die Überzeugung, dass Verhaltensunterschiede fast ausschließlich durch unsere Erziehung bedingt sind, oder die Natur-Ansicht, die besagt, dass individuelle Unterschiede im einzigartigen und vorprogrammierten genetischen Code jedes Menschen verankert sind.
Heute herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass die Wahrheit irgendwo dazwischen liegt. Gene und Umwelt beeinflussen sich ständig und sind so eng miteinander verwoben, dass es nicht ausreicht, eines von beiden isoliert zu betrachten. Die menschliche Entwicklung lässt sich am besten als eine Reihe potenzieller Entwicklungspfade verstehen, die sich schließlich im Leben eines bestimmten Menschen manifestieren, abhängig vom Zusammenspiel persönlicher Anlagen und Umweltbedingungen.
„Nicht die formale Umgebung, sondern Ihr persönlicher Lebensraum – die Art und Weise, wie Sie Ihre Umgebung erleben und nutzen – prägt Ihre Entwicklung.“
Individualität äußert sich nicht nur in Verhaltensunterschieden zwischen Personen, sondern auch in Unterschieden in Gehirnstrukturen und -funktionen. Diese Unterschiede beruhen auf der sogenannten neuronalen Plastizität. Genetische und umweltbedingte Einflüsse wirken über verschiedene Reifungs- und Alterungsprozesse auf das individuelle Entwicklungspotenzial ein, wodurch sich individuelle Unterschiede im Verhalten und im Gehirn mit zunehmendem Alter verstärken.
Verhaltensgenetiker untersuchen, inwieweit eineiige Zwillinge, die in derselben Familie aufwachsen, sich trotz gleicher genetischer Veranlagung und Umwelt unterschiedlich entwickeln. Obwohl eineiige Zwillinge einander ähnlicher sind als Geschwister, ist ihr Verhalten eindeutig nicht identisch. Was verursacht diese Verhaltensunterschiede, abgesehen von Genen und Umwelt?
Meine Kollegen und ich Ich fragte mich, was passieren würde, wenn wir nicht nur Zwillinge, sondern eine ganze Population genetisch identischer Individuen untersuchten: Labormäuse. Und was wäre, wenn diese Population in einer kontrollierten, nominell identischen Umgebung lebte, die gleiche Chancen, aber auch das Potenzial für individuelle Erfahrungen bot: Platz zum Erkunden und Spielen, Futter und Wasser sowie einen Schlafplatz? Würden sich die Individuen weiterhin unterschiedlich entwickeln, oder würden alle Mäuse, entsprechend dieser spezifischen Umgebung und ihrem jeweiligen Gensatz, identisches Verhalten zeigen?
Mithilfe eines automatisierten Trackingsystems beobachteten wir die Mäuse drei Monate lang, was einen Großteil ihrer Lebensspanne ausmacht. Wir stellten deutliche individuelle Unterschiede fest, die mit zunehmendem Alter stärker wurden. Obwohl die Mäuse identische Gene und eine identische Umgebung aufwiesen, zeigten sie Unterschiede in ihrem Verhalten (z. B. in ihrem Erkundungsverhalten) und ihrer Gehirnstruktur (in der Plastizität ihres Gehirns in Reaktion auf die Umwelt).
„Indem wir uns die richtige ökologische Nische aussuchen, können wir unsere persönlichen Anlagen optimal nutzen.“
Unsere Ergebnisse stützen die Annahme, dass neben Genen und Umwelt die Entwicklung selbst eine dritte Quelle individueller Unterschiede darstellt. Besonders interessant ist, dass mit zunehmendem Erkundungsverhalten der Mäuse (das als Indikator für körperliche Aktivität und Neugierde gelten kann) auch die Anzahl neuer Nervenzellen im Gyrus dentatus des Hippocampus, einem für die räumliche Erkundung zuständigen Hirnareal, zunahm. Dies belegt einen direkten Zusammenhang zwischen sich entwickelnden individuellen Verhaltensunterschieden und individuellen Unterschieden in der Plastizität des Gehirns.
Wir schließen daraus, dass nicht die nominelle Umgebung, sondern vielmehr Ihr persönlicher Lebensraum – die Art und Weise, wie Sie Ihre Umgebung erleben und nutzen – Ihre Entwicklung prägt.
Bestimmte körperliche Merkmale sind genetisch bedingt, wie beispielsweise die Anzahl unserer Beine oder unsere Augenfarbe. Es ist durchaus möglich, dass psychische Merkmale wie Intelligenz oder Persönlichkeit durch das ständige Zusammenspiel unserer genetischen Veranlagung und unserer Umwelt geprägt werden. Indem wir uns die passende Umgebung aussuchen, können wir unsere individuellen Anlagen optimal nutzen.
Im Laufe unserer Entwicklung sind wir einer Vielzahl von Risiko- und Schutzfaktoren ausgesetzt. Ein gesundheitsförderlicher Lebensstil – körperlich aktiv bleiben, soziale Kontakte pflegen und intellektuell gefordert werden – kann handeln als Schutzfaktor und helfen uns, „auf Kurs zu bleiben“ und gleichzeitig unsere kognitive und körperliche Gesundheit sowie unser Wohlbefinden bis ins hohe Alter aufrechtzuerhalten.
Fußnoten
Der Autor möchte sich bedanken Julia Delius, Ulman Lindenberger, Myriam C. Sander, Elisabeth Wenger für Kommentare zu einer früheren Version dieses Artikels.
Referenzen: (Die Referenzliste bleibt in der wissenschaftlichen Zitierweise erhalten)
Freund, J.*, Brandmaier, AM*, Lewejohann, L., Kirste, I., Kritzler, M., Krüger, A., Sachser, N., Lindenberger, U. & Kempermann, G. (2013). Entstehung von Individualität bei genetisch identischen Mäusen. Forschung, 340(6133), 756-759. doi:10.1126/science.1235294
(* bezeichnet gemeinsame Erstautorenschaft)
Lindenberger (2014). Kognitives Altern des Menschen: Corriger la Fortune? Science, 346(6209),572-578. doi: 10.1126 / science.1254403