Der Medieninformatikforscher Martin Ebner erläutert, wie die Technologie das Lernen verändert hat, und erörtert die Herausforderungen und Chancen der Integration von Technologie in den Unterricht.

Cornelia Puhze: Die Technologie hat unsere Welt radikal verändert. Was ist anders daran, wie ein Zehnjähriger heute die Welt versteht im Vergleich zu vor 30 Jahren?

Martin Ebner: Der Hauptunterschied besteht darin, dass wir heute viel besseren Zugang zu einer unglaublichen Fülle an Informationen und Lernmaterialien haben. Heutzutage besitzen die meisten Kinder eigene Geräte und können somit auf alle möglichen Informationen zugreifen sowie auf vielfältige Weise kommunizieren und zusammenarbeiten – und das wirkt sich auf das Lernen aus.

CP: Wie sollten Lehrer Ihrer Meinung nach auf diese Entwicklung reagieren?

MIR: Ich wünsche mir, dass sie den vielfältigen Möglichkeiten neuer Technologien zur Einbindung und Motivation von Lernenden gegenüber aufgeschlossen sind. Letztendlich genügt es, nur einige wenige Elemente zu nutzen, die zum eigenen Unterrichtsansatz passen. Ich bin sicher, dass sich Technologie in nahezu jede Unterrichtsstunde integrieren lässt.

„Ich wünsche mir, dass Lehrer allen Möglichkeiten, die neue Technologien zur Einbindung und Motivation von Lernenden bieten, aufgeschlossen gegenüberstehen.“

CP: Werden wir in Zukunft überhaupt noch physische Klassenzimmer benötigen?

MIR: Ich glaube, Schulen werden auch in Zukunft notwendig sein. Wie wir lehren und lernen, wird sich verändern, aber ich bin mir nicht sicher, ob dies den physischen Ort des Lernens dramatisch beeinflussen wird. Wir werden Klassenzimmer wahrscheinlich viel stärker für Kommunikation, Diskussion und Interaktion nutzen.

In naher Zukunft werden wir voraussichtlich deutlich mehr videobasiertes Lernen und Veränderungen in den Lehrmethoden erleben. Ein neuer Ansatz ist der Umgedrehtes KlassenzimmerBei diesem Ansatz schauen sich die Kinder zu Hause ein Video an, in dem ihr Lehrer ein Konzept erklärt, und gehen dann zur Schule, um das Material durchzuarbeiten.

Ein weiterer Trend, der das Lernen und Lehren verändern könnte, sind Datenbrillen. Ferncoaching per Datenbrille könnte in Zukunft richtig Fahrt aufnehmen.

CP: Wie?

MIR: Meine Kollegen und ich haben soeben eine Studie veröffentlicht über Fernunterricht und Unterstützung mithilfe von DatenbrillenWir haben eine App für Datenbrillen entwickelt, die das Fernlernen unterstützt. Der Dozent ist per Videostream mit dem Lernenden verbunden und empfängt dessen Live-Videostream aus dessen Perspektive. So profitiert der Lernende von personalisierter Unterstützung, während der Dozent den nächsten Schritt erklärt. Der Dozent kann zudem im Video kontextbezogene Informationen hinzufügen.

CP: Sie haben kürzlich ein Buch über nahtloses Lernen veröffentlicht. Können Sie uns dieses Konzept erläutern?

MIR: Nahtloses Lernen bedeutet Lernen überall und in jeder Situation, da alle Geräte miteinander kommunizieren. Beispielsweise könnten Sie eine smarte Brille, eine Smartwatch und ein Wearable wie ein T-Shirt tragen. Dank des nahtlosen Lernens befindet sich der Lernende in einer deutlich intelligenteren Umgebung, die Daten sammelt, um die Lernsituation so realitätsnah wie möglich zu gestalten.

„Beim nahtlosen Lernen ist der Lernende von einer wesentlich intelligenteren Umgebung umgeben, die Daten sammelt, um die Lernsituation so realistisch wie möglich zu gestalten.“

CP: Heutzutage besitzen die meisten jungen Menschen in Europa ein Smartphone. Werden Smartphones im Unterricht eingesetzt? Und welche Möglichkeiten bieten sie?

MIR: Die Frage, ob mobiles Lernen in das Bildungssystem integriert werden soll, wird derzeit in verschiedenen Ländern kontrovers diskutiert. Ich denke, wir sollten die Tatsache nutzen, dass wir heute mehr Möglichkeiten haben als je zuvor. Wir müssen nur die richtigen Lernsituationen schaffen.

Nehmen wir zum Beispiel Geografie. Man braucht nur ein Smartphone, Internetzugang und ein Stück Pappe, um an einer virtuellen Reise teilzunehmen. Exkursion in die virtuelle Realität mit Ihrer Klasse. Schon allein die Erkundung von Orten auf Google Earth mithilfe der Handys ist für die Schüler viel ansprechender als das Betrachten einer Karte in einem Buch.

A Virtual-Reality-Spiel Das Spiel, das wir in meinem Labor entwickelt haben, ist ein anderer Ansatz für den Mathematikunterricht. Die Kinder benötigen zum Spielen lediglich ein Smartphone und eine Datenbrille aus Pappe. Im Spiel müssen sie mathematische Aufgaben lösen. Wir erstellen sogar die... Gläser aus Pappe mit den Kindern als Teil unserer Maker-BildungDas ist die Idee hinter der Verbindung mit virtueller Realität – Werkzeuge aus Pappe herstellen und gleichzeitig Mathematik lehren.

„Ich denke, wir sollten die Tatsache nutzen, dass wir mehr Macht in der Tasche haben als je zuvor. Wir müssen nur die richtigen Lernsituationen schaffen.“

Ein weiteres unterhaltsames Beispiel für intelligentes Lernen, das wir in Grundschulen getestet haben, ist ein auf Mathematik basierendes Lernspiel, das … Flic-TasteEs ist lediglich ein Knopf, der mit einem Handy verbunden ist. Den Kindern werden drei Lösungsmöglichkeiten angezeigt, und sie müssen den Knopf drücken, um die richtige Antwort auszuwählen. Kinder lieben dieses Spiel; es ermöglicht ihnen, spielerisch zu interagieren und zu lernen. Das ist die Idee hinter spielbasiertem Lernen, intelligentem Lernen.

CP: Welche typischen Hindernisse gibt es beim Einstieg in den Technologieeinsatz im Unterricht?

MIR: Bedenken hinsichtlich Datenschutz und Datensicherheit. Datenschutz ist insbesondere im Bereich der Lernanalytik relevant, wo Daten erhoben werden, um die Effektivität des Lernens zu bestimmen und den Studierenden personalisiertes Feedback zu geben. Nehmen wir beispielsweise unser Forschungsprojekt … Schreibplattform Zum Beispiel für 8- bis 12-Jährige. Die Kinder schreiben kurze Aufsätze, und im Hintergrund erkennt ein intelligentes Wörterbuch typische Fehler von Kindern dieser Altersgruppe. Macht ein Kind immer wieder dieselben Fehler, schlägt das Programm gezielte Grammatik- oder Rechtschreibübungen vor. Das ist eine sehr effektive Methode, um die Schreibfähigkeiten zu verbessern, da die Lernenden personalisiertes Feedback und gezielte Übungen erhalten, die den Lernfortschritt fördern.

Je mehr Daten wir sammeln, desto individueller können wir das Lernerlebnis gestalten. Dabei ist es uns wichtig, Bedenken hinsichtlich Datenschutz und Datensicherheit ernst zu nehmen. Selbstverständlich erfassen wir die Daten in anonymisierter Form, um die Privatsphäre und die Daten der Lernenden zu schützen.

Fußnoten

Martin Ebner ist Leiter des Fachbereichs Bildungstechnologie an der Technischen Universität Graz, Österreich. Er ist verantwortlich für alle E-Learning-Aktivitäten der Universität. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Nutzung von Web 2.0 für Lehre und Lernen. nahtloses Lernen, offene Bildungsressourcen, Lernanalytik und Informatik für Kinder.

Martin Ebner ist einer der prominentesten Blogger zum Thema Bildung in der deutschsprachigen Welt.

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