Eveline von Arx: Wann fangen Kinder zum ersten Mal an, andere nachzuahmen?

Moritz Daum: Man geht davon aus, dass Säuglinge im Alter von etwa sechs Monaten, wenn nicht sogar früher, zielgerichtetes Verhalten verstehen. Mehrere Faktoren bilden die Grundlage für diese Fähigkeit. Zum einen ist ihr eigenes – noch relativ begrenztes – motorisches Repertoire dabei hilfreich. Kinder nutzen zudem schlussfolgerndes Denken, um die beobachteten Handlungen zu interpretieren. Sie erkennen, dass auf eine bestimmte Handlung etwas anderes folgt. Eine wichtige Grundlage für Schlussfolgerungen liegt in der Beobachtung statistischer Regelmäßigkeiten; diese helfen Säuglingen, ihre Umwelt zu verstehen – insbesondere, wenn sie bestimmte Handlungen noch nicht selbst ausführen können.

Nachahmung erfordert, dass wir zumindest ansatzweise verstehen, was jemand anderes tut. Wir übertragen das Beobachtete auf unser eigenes Handeln. Wenn wir ein bestimmtes Verhalten noch nie beobachtet haben, hilft uns die Nachahmung auch dabei, herauszufinden, warum jemand so handelt.

Eva: Wählen Kinder selbst aus, welche Personen sie imitieren wollen.

MD: Ja, Imitation ist selektiv und erfüllt vielfältige Funktionen. Eine interessante Frage ist, ob Kinder häufiger oder erfolgreicher Gleichaltrige, ältere Kinder oder Erwachsene imitieren. Dazu lassen sich verschiedene Hypothesen formulieren, die auf unterschiedlichen theoretischen Annahmen basieren: Beispielsweise bevorzugen Kinder in bestimmten Situationen Gleichaltrige. Diese ähneln sich im Aussehen, in den Körperproportionen und im Entwicklungsstand, weshalb es Kindern leichter fallen kann, sie als Erwachsene zu imitieren.

Forschungen deuten darauf hin, dass die sogenannten Spiegelneuronen stärker aktiviert werden, wenn wir eine vertraute als eine unbekannte Aktivität beobachten. Daher ist es möglich, dass Kinder das Verhalten ihrer Gleichaltrigen am besten verstehen und es am häufigsten nachahmen.

Eva: Welche anderen Hypothesen gibt es?

MD: Die Hypothese des russischen Psychologen Lew Wygotski von der „Zone der proximalen Entwicklung“ ist ebenfalls bedeutsam. Kinder befinden sich in einer bestimmten Entwicklungsphase und bewegen sich auf die nächste Stufe zu. Mit angemessener Unterstützung können sie Aufgaben bewältigen, die sie noch nicht vollständig beherrschen, und die nächste Stufe erreichen, die sie allein noch nicht erreichen können.

Nach der zweiten Hypothese sind etwas ältere Kinder ein attraktives Objekt der Nachahmung, weil sie als relativ ähnlich wahrgenommen werden, aber etwas beherrschen, was das Kind noch nicht kann – aber hoffentlich in naher Zukunft beherrschen wird.

Eva: Aber auch Kinder ahmen Erwachsene nach.

Die dritte Hypothese besagt, dass Kinder Erwachsene imitieren, weil sie Erwachsene im Allgemeinen als kompetent wahrnehmen.

„Wenn Kinder neue, unbekannte Fähigkeiten erlernen wollen, ahmen sie bevorzugt Erwachsene nach.“

Eva: Welche empirischen Belege liegen für imitatives Verhalten bei Kindern vor?

MD: In Zusammenarbeit mit meinem Kollegen Norbert Zmyj von der TU Dortmund haben wir diese Hypothesen in mehreren Studien untersucht. Ein Beispiel: Eine Lampe wurde auf einen Tisch gestellt. Die Testpersonen (14 Monate alte Kleinkinder) sollten die Lampe mit der Stirn einschalten – eine ihnen unbekannte Methode. Es handelte sich um eine sogenannte „Kopfberührungslampe“. Wir stellten fest, dass diese Kinder eher Erwachsene imitierten als gleichaltrige oder etwas ältere Kinder. Beim Erlernen neuer, unbekannter Fähigkeiten bevorzugen Kinder die Nachahmung von Erwachsenen.

Eva: Wie wäre es mit Fähigkeiten, mit denen sie bereits vertraut sind?

MD: Bei Handlungen, die Kindern bereits vertraut sind, wie Klatschen oder Winken, ahmen sie am ehesten ihre Gleichaltrigen nach. Das Prinzip der Ähnlichkeit ist hierbei wichtig, da der soziale Aspekt der Nachahmung in diesem Kontext die Hauptrolle spielt. Kinder imitieren ihre Gleichaltrigen, weil sie nonverbal kommunizieren und ein Gefühl der Zugehörigkeit und Nähe erlangen möchten.

Diese soziale Funktion der Nachahmung verliert mit zunehmendem Alter der Kinder an Bedeutung, da sich ihre Sprachfähigkeiten im Laufe der Zeit verbessern und sie andere Möglichkeiten haben, ihre Zuneigung auszudrücken.

Eva: Auch Erwachsene nehmen manchmal die gleiche Körperhaltung ein wie die Person, mit der sie interagieren.

MD: Wir nennen dies den Chamäleon-Effekt. Dieser Effekt belegt, dass die Übermittlung nonverbaler Informationen eine weitere wichtige soziale Funktion der Imitation ist. Unbewusst empfinden wir Empathie für die Menschen, mit denen wir interagieren, und imitieren sie; zudem reagieren wir möglicherweise sensibler auf ihre Bewegungen. Unsere Sinne richten sich auf die Person, mit der wir sprechen, und unser motorischer Kortex veranlasst uns, ihre Körperhaltung zu spiegeln.

In meinen Vorlesungen sehe ich häufig Studierende nebeneinander sitzen, deren Körper – Arme und Beine – exakt die gleiche Position einnehmen. Wenn ich sie darauf hinweise, erschrecken sie oft und nehmen sofort eine andere Position ein – die sich manchmal ebenfalls als identisch herausstellt.

„Kinder imitieren ihre Gleichaltrigen, weil sie nonverbal kommunizieren und ein Gefühl der Zugehörigkeit und Nähe erreichen wollen.“

Eva: Um auf die Frage zurückzukommen, wer imitiert wird: Ahmen Kinder inkompetente Erwachsene nach?

MD: Die Kinder in unserer Studie beobachteten verschiedene Erwachsene, die ihnen bekannte Handlungen entweder „korrekt“ oder „falsch“ ausführten. Die Erwachsenen setzten Hüte entweder korrekt oder auf die Ohren; sie zogen Schuhe an oder an die Hände usw. Im Experiment mit der Kopfberührungslampe wurden die Erwachsenen, die solche Handlungen zuvor „korrekt“ ausgeführt hatten, deutlich häufiger nachgeahmt als die anderen. Auch die wahrgenommene Kompetenz eines potenziellen Vorbilds spielt im Kontext des Sprachenlernens eine wichtige Rolle.

Eva: Auf welche Weise?

MD: Wenn eine Person Gegenstände, die dem Kind vertraut sind, mit dem falschen Namen bezeichnet, lernt das Kind seltener neue Wörter von dieser Person. Dies wurde in verschiedenen Experimenten nachgewiesen. In einer unserer jüngsten Studien konnten wir zeigen, dass dieser Kompetenzeffekt generalisierbar ist. Der Spracherwerb wird in ähnlicher Weise beeinflusst, wenn Kinder zuvor ein Modell beobachtet haben, das inkompetent oder kompetent handelte oder Gegenstände falsch oder richtig benannte. Die angenommene Kompetenz scheint also auf die Bereiche Sprache und Handlung übertragbar zu sein.

Eva: Ist nachahmendes Verhalten angeboren?

MD: Vor fast vierzig Jahren veröffentlichte der amerikanische Psychologe Andrew Meltzoff eine einflussreiche Studie über ein angeborenes Nachahmungsverhalten bei Neugeborenen. Er zeigte, dass Neugeborene die Zunge herausstrecken, nachdem sie beobachtet haben, wie ein Erwachsener dasselbe tut. Dies interpretierte er als Beweis für eine angeborene Fähigkeit des Menschen zur Nachahmung. Eine umfangreiche Langzeitstudie von Janine Oostenbroek und ihren Kollegen kommt nun zu dem Schluss, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit keine solche angeborene Fähigkeit gibt. Dass drei Monate alte Säuglinge die Zunge herausstrecken, scheinbar als Reaktion darauf, dass jemand anderes dasselbe tut, scheint tatsächlich kein Nachahmungsverhalten zu sein.

Eva: Warum nicht?

MD: Säuglinge nutzen Mund und Zunge zur Erkundung ihrer Umgebung. Sie stecken fast alles in den Mund, und das Herausstrecken der Zunge könnte einfach eine Art Erkundungsreaktion auf einen wahrgenommenen Reiz sein. Für diese Erklärung spricht die Tatsache, dass Säuglinge in den unterschiedlichsten Situationen, die sie als anregend empfinden, auf dieselbe Weise reagieren.

Eva: Welche Fragen zum Nachahmungsverhalten und zur kindlichen Entwicklung sind noch unbeantwortet?

MD: Viele. Die Entwicklungspsychologie benötigt nach Möglichkeit mehr Längsschnittstudien mit großen Stichproben. Dies ermöglicht eine genauere Untersuchung von Entwicklungsprozessen und die Berücksichtigung interindividueller Unterschiede in der Verhaltensänderung in verschiedenen Altersstufen. Zukünftige Forschung sollte Entwicklungsprozesse auf individueller Ebene untersuchen, um ein besseres Verständnis der kindlichen Entwicklung und ihrer Wechselwirkungen mit verschiedenen externen Faktoren (z. B. familiären und außerfamiliären sozialen Strukturen) zu gewinnen.

Fußnoten

Prof. Dr. Moritz Daum, Er leitet den Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie: Säuglings- und Kindesalter an der Universität Zürich in der Schweiz. Er erforscht das Nachahmungsverhalten von Kleinkindern sowie deren Verständnis der sozialen Welt und den Zusammenhang zwischen Wahrnehmung und Handlung.

Website „Kleine Weltentdecker“

Universität Zürich, Entwicklungspsychologie: Säuglings- und Kindesalter (in Deutsch)