Eveline von Arx: Was bedeutet „Frühkindliche Förderung“ für Sie?

Andrea Lanfranchi: Es geht darum, Eltern so zu unterstützen, dass sie ihren Kindern die nötige Förderung für eine gesunde Entwicklung bieten können. Rund 10 Prozent der Familien in der Schweiz benötigen zusätzliche Hilfe, da sie mit vielfältigen und komplexen Herausforderungen zu kämpfen haben.

Eva: Was bedeutet das?

AL: Das bedeutet, dass Kinder in diesen Familien unter Vernachlässigung aufwachsen, da ihre Eltern mit Herausforderungen konfrontiert sind, die sie daran hindern, ihren elterlichen Pflichten nachzukommen. Sie können von Armut, Arbeitslosigkeit, psychischen Problemen oder Traumata betroffen sein. Wenn Armut oder Migration mit ungünstigen Lebensbedingungen und fehlenden sozialen Netzwerken einhergehen, entsteht eine Häufung von Stressfaktoren, die die Entwicklung und den späteren Schulerfolg eines Kindes gefährden können. Dies ist der Schwerpunkt unserer Schweizer Längsschnittstudie ZEPPELIN (Zürcher Equity Präventionsprojekt Elternbeteiligung und Integration), einem Forschungs- und Präventionsprojekt mit Sitz in Zürich, das die Beteiligung und Integration von Eltern fördert.

Eva: Welche Familientypen werden in die ZEPPELIN-Studie einbezogen?

AL: Familien, die kumulativen psychosozialen Belastungen ausgesetzt waren, wurden in einer randomisierten kontrollierten Studie (RCT) untersucht. Die Familien wurden per Zufall der Interventions- oder der Kontrollgruppe zugeteilt. Über einen Zeitraum von drei Jahren erhielten die Familien der Interventionsgruppe mehrmals monatlich Unterstützung von geschulten Elterncoaches. Die Auswirkungen dieser Interventionen wurden zu verschiedenen Zeitpunkten überprüft.

Eva: Welche Faktoren wurden gemessen?

AL: Wir nutzten Videoaufnahmen, um die mütterliche Feinfühligkeit in der Interaktion mit Kindern zu messen, und erfassten zudem die kindliche Entwicklung – letztere mithilfe verschiedener Tests. Die Interventionen der Studie zur Förderung einer gesunden Entwicklung begannen bereits während der Schwangerschaft, konzentrierten sich aber insbesondere auf die ersten drei Monate nach der Geburt.

Eva: Was waren die Ziele der ZEPPELIN-Studie?

AL: Die Studie untersucht, ob das frühkindliche Förderprogramm „Eltern als Erzieher“ (PAT) tatsächlich einen positiven Einfluss auf die Intelligenz, die Sprache, das Verhalten und die soziale Integration von Kindern hat. Außerdem wird untersucht, ob es die Erziehungskompetenzen verbessert.

„Es besteht eine Kluft zwischen Kindern, die in den ersten Lebensjahren von Sprachförderung profitiert haben, und solchen, die nicht davon profitiert haben.“

Eva: Welche Ergebnisse wurden bisher erzielt?

AL: Die Ergebnisse der ersten drei Jahre deuten darauf hin, dass das Programm auf verschiedenen Ebenen positive Auswirkungen hat. Dank des Studiendesigns und der Berücksichtigung zahlreicher Variablen können wir mit Sicherheit schlussfolgern, dass die beobachteten Effekte auf die spezifischen Stärken des PAT-Programms zurückzuführen sind, was bei anderen frühkindlichen Förderprogrammen nicht der Fall ist. Wir stellten signifikante Verbesserungen in den Bereichen Kognition, Sprache und Verhalten bei den Kindern der Interventionsgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe fest.

Die Gesundheitsfragebögen zeigten unter anderem, dass die Kinder der Interventionsgruppe weniger ängstlich waren und besser schliefen als die Kinder der Kontrollgruppe. Wir fanden keine signifikanten Auswirkungen auf die motorischen Fähigkeiten. Hinsichtlich der Erziehungskompetenzen zeigten die Mütter, die am PAT-Programm teilnahmen, eine größere Feinfühligkeit gegenüber ihren Kindern.

In Zusammenarbeit mit Ulrike Ehlert vom Psychologischen Institut der Universität Zürich konnten wir sogar biologische Korrelate für diese psychologischen und elterlichen Mechanismen finden. Kinder im PAT-Programm sind weniger gestresst, wenn ihre Mütter feinfühliger sind. Dies wiesen wir durch die Messung des Cortisolspiegels in ihren Fingernägeln und der DNA-Methylierung in ihrem Speichel nach.

Eva: Wie wurden Erziehungskompetenzen definiert?

AL: Ein Faktor war das Maß an Anregung im Umfeld des Kindes, einschließlich des Elternhauses. Hat das Kind Zugang zu geeignetem Spielzeug und Puzzles? Fördern die Eltern ihre Kinder, indem sie ihnen beispielsweise beim Spielen helfen, Gegenstände oder Farben zu benennen? Oder – um ein negatives Beispiel zu nennen – ist der Fernseher ständig eingeschaltet?

Eva: Welche weiteren Effekte haben Sie festgestellt?

AL: In der Interventionsgruppe stellten wir eine Erweiterung der sozialen Netzwerke fest. Dies könnte beispielsweise bedeuten, dass Mütter Deutschkurse besuchten oder eine Bibliothek oder ein Gemeindezentrum aufsuchten. Mütter (bzw. Eltern) wurden bei ihren ersten Besuchen von ihren Erziehungsberatern begleitet, um ihnen zu helfen, sich mit den vorhandenen Infrastrukturangeboten vertraut zu machen.

Eva: Haben andere Länder ähnliche Effekte festgestellt?

AL: Das PAT-Programm entstand in den USA und wurde später für den Einsatz in Deutschland adaptiert. Modellprojekte in den USA zeigten dort größere Effekte. Dies hängt damit zusammen, dass in der Schweiz und in Deutschland – im Gegensatz zu den USA – das Niveau der grundlegenden Dienstleistungen für Kleinkinder und Eltern bereits recht hoch ist. Zu diesen Dienstleistungen gehören Beratung für Mütter, Spielgruppen, Kindertagesstätten und eine umfassende kinderärztliche Versorgung. Selbst kleine Effektstärken sollten daher positiv bewertet werden. Es ist zudem wichtig zu erwähnen, dass ZEPPELIN die einzige Studie zu frühkindlichen Interventionen in der Schweiz ist, die ein randomisiertes kontrolliertes Studiendesign (RCT) verwendet.

Eva: Können Sie uns mehr über die Interventionen erzählen? Und über die Elterncoaches?

AL: In den meisten Fällen handelt es sich bei den Elterncoaches um Mütter, die eine Zusatzausbildung absolviert haben. Sie besuchen die Familien zu festgelegten Zeiten, etwa zweimal im Monat. Die Besuchszeiten werden individuell an die Bedürfnisse jeder Familie angepasst; mal finden die Besuche häufiger, mal seltener statt. Wichtig ist die Kontinuität.

Der Elterncoach unterstützt Mütter/Eltern dabei, ihre Erziehungskompetenzen zu verbessern und die Entwicklung des Kindes zu fördern. Coaches müssen jedoch stets darauf achten, Eltern nicht das Gefühl zu geben, etwas „falsch“ zu machen. Sie sollten die Eltern weder belehren noch ihnen Unsicherheit vermitteln.

Eva: Überwachen Sie die Aktivitäten der Trainer?

AL: Einmal jährlich werden die Hausbesuche im Interesse der Qualitätssicherung per Video aufgezeichnet und analysiert. Bei einem Drittel der Familien setzten wir zu Beginn des Programms Dolmetscher ein.

Eva: Warum ist es wichtig, in einem so frühen Alter einzugreifen?

AL: Aus der Fachliteratur geht eindeutig hervor, dass die ersten Lebensjahre für die Entwicklung eines Kindes sowie für seine Bildungs- und Lernmöglichkeiten von enormer Bedeutung sind. Einige Studien haben gezeigt, dass Interventionen im Vorschul- oder Grundschulalter, insbesondere für die Sprachentwicklung, zu spät erfolgen. Zu diesem Zeitpunkt lassen sich Defizite in diesem Bereich unter Umständen nicht mehr beheben.

Es besteht eine Kluft zwischen Kindern, die in den ersten Lebensjahren von Sprachförderung profitiert haben, und solchen, die dies nicht getan haben. Diese Kluft kann sich nach dem Schuleintritt noch vergrößern. Deshalb ist es so wichtig, frühzeitig mit intensiver, professioneller Unterstützung zu beginnen.

Eva: Was kommt als Nächstes für ZEPPELIN?

AL: Die Kinder der Studie werden im August 2016 in den Kindergarten eingeschult. Wir möchten nun die Langzeitwirkungen des Programms untersuchen, um dessen Nachhaltigkeit zu überprüfen. Dazu führen wir im Kindergartenjahr sowie in der ersten und dritten Klasse eine Folgestudie durch. Die teilnehmenden Familien haben weiterhin die Möglichkeit, sich in Gruppen mit anderen Eltern auszutauschen, um eine kontinuierliche Unterstützung zu gewährleisten. In Kooperation mit dem Bildungsdepartement des Kantons Zürich (Amt für Jugend und Berufsberatung) starten wir das Programm „Lernort Familie 5+“.

Der erste Teil von ZEPPELIN ist nun abgeschlossen. Um jedoch eine langfristige Wirkung zu erzielen, wird das Programm „Eltern als Lehrer“ (PAT) im Kanton Zürich unter der Schirmherrschaft von „Zeppelin-Familien startenklar„und in Frauenfeld. St. Gallen und das Tessin haben das Programm kürzlich ebenfalls übernommen.“

Fußnoten

Prof. Andrea LanfranchiDr. phil. ist Psychologe und Experte für Sonderpädagogik. Er leitet die Forschungs- und Entwicklungsabteilung der Fachhochschule für Sonderpädagogik in Zürich. Seine Forschung und Publikationen konzentrieren sich auf die Themen Migration, Schule, Familie und Integration.