Eveline von Arx: In einer Diskussion mit Jugendlichen über den Tod äußerte ein Junge folgende Bemerkung: „Wenn wir ewig leben würden, bräuchten wir uns keine Ziele zu setzen.“ Was ist Ihre Reaktion darauf?

Lutz Jäncke: Seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte beschäftigen sich die Menschen mit dem Tod. Doch unser Gehirn ist nicht dafür geschaffen, in Kategorien der Unendlichkeit zu denken. Das übersteigt unsere Fähigkeiten. Das Gehirn braucht Klarheit und Struktur.

Eva: Was bedeutet das?

LJ: Das menschliche Gehirn hat sich im Laufe der Zeit entwickelt. Es ist ein äußerst anpassungsfähiges Organ, das uns ermöglicht, zu lernen und die Welt um uns herum zu verstehen. Wir interpretieren die Welt auf unsere eigene Weise und gestalten so unsere Zukunft und unsere Vergangenheit. Interessant an der Aussage des Jungen ist, dass sie von einem Teenager stammt, der sich noch in der Entwicklung befindet. Und Entwicklung bedeutet immer auch, einen Sinn im Leben zu finden. Wir können nicht gleichzeitig in unzählige verschiedene Richtungen gehen. Gerade in der Adoleszenz ist dies von entscheidender Bedeutung.

Eva: Warum?

LJ: Denn Jugendliche müssen lernen, ihren Platz in der Kultur zu finden. Dazu brauchen sie bestimmte Regeln und Rahmenbedingungen. Sie müssen herausfinden, wo die Grenzen liegen, und werden diese natürlich austesten. Das gilt übrigens für alle Säugetiere.

„Wir haben unsere eigenen individuellen Wege, die Welt zu interpretieren, und wir gestalten unsere Zukunft und unsere Vergangenheit.“

Eva: Zurück zum menschlichen Gehirn: Welche Veränderungen finden im Gehirn während der Pubertät statt?

LJ: Das Gehirn von Teenagern durchläuft einen sehr spezifischen Reifungsprozess, insbesondere der Frontallappen. Dessen Volumen nimmt bis zum Alter zwischen 11 und 14 Jahren deutlich zu. Dieser Bereich des Gehirns spielt eine wichtige Rolle bei den sogenannten exekutiven Funktionen – der Fähigkeit, Emotionen zu kontrollieren, vorauszudenken und Ziele zu verfolgen. Da ihr Gehirn noch nicht ausgereift ist und sich stark verändert, können sich Jugendliche weniger gut über längere Zeiträume konzentrieren und lassen sich leichter ablenken als Erwachsene. Zudem kommt es im Gehirn von Teenagern zu einer dramatischen Zunahme der Vernetzung. Welche Netzwerke und Verbindungen gebildet und strukturiert werden, ist von entscheidender Bedeutung. Daher spielt es eine Rolle, ob ein Jugendlicher stundenlang Computerspiele spielt oder Bach-Fugen übt.

Eva: Warum?

LJ: Unser Gehirn ist plastisch – das heißt, es kann durch Umwelteinflüsse verändert werden. Vereinfacht gesagt: Die neuronalen Verbindungen, die am häufigsten genutzt werden, bleiben erhalten. Verbindungen, die nicht regelmäßig genutzt werden, verlieren zunehmend an Effizienz – getreu dem Motto „Wer rastet, der rostet“. Wenn Jugendliche also die neuronalen Netzwerke, die für Aufmerksamkeit und Selbstdisziplin zuständig sind, häufig nutzen, werden diese Netzwerke auf natürliche Weise erhalten oder sogar ausgebaut. Werden sie nicht genutzt, ist mit einem Abbau zu rechnen. Folglich stärkt die Bewältigung anspruchsvoller Aufgaben, die ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Selbstdisziplin erfordern, genau diese Netzwerke, die eine Schlüsselrolle bei der Steuerung von Aufmerksamkeit und Selbstdisziplin spielen.

Eva: Was benötigen Jugendliche in dieser Phase?

LJ: Norbert Bischof hat eindeutig gezeigt, dass alle Säugetiere, einschließlich des Menschen, zwei komplementäre Motivationssysteme besitzen: eines spiegelt das Bedürfnis nach Bindung wider, das andere das Bedürfnis nach Stimulation. Bindung ist für Kleinkinder ein sehr starkes Motiv, während das Bedürfnis nach Stimulation weniger stark ausgeprägt ist. Dies ändert sich im Laufe der Entwicklung. In der Pubertät nimmt die Bedeutung der Bindung ab, während das Bedürfnis nach Stimulation zunimmt. Jugendliche suchen nach Abenteuern. Deshalb erscheinen sie uns Erwachsenen oft mitunter seltsam und irrational. Wir müssen Verständnis zeigen, aber auch bedenken, dass wir ihr Bedürfnis nach Stimulation bis zu einem gewissen Grad lenken können und sollten.

Eva: Wie können wir das machen?

LJ: Wir Menschen besitzen die Fähigkeit, unser Verlangen nach Belohnung zu unterdrücken. Wir können auf eine unmittelbare Belohnung verzichten und auf ein langfristiges Ziel hinarbeiten, selbst wenn wir nicht sicher wissen, ob wir jemals belohnt werden. Der Frontallappen spielt dabei eine entscheidende Rolle. Ist er, wie beispielsweise in der Adoleszenz, noch nicht vollständig entwickelt, müssen Eltern und Lehrkräfte im Rahmen einer vertrauensvollen Beziehung klare Grenzen setzen.

„Kindern sollten mehr Möglichkeiten gegeben werden, zu experimentieren und sich selbst zu testen.“

Eva: Können Sie irrationales Verhalten von Teenagern erklären?

LJ: In der Pubertät verstärkt sich das Bedürfnis nach Stimulation deutlich, es kommt zu hormonellen Veränderungen und das Gehirn durchläuft tiefgreifende Umstrukturierungen. Daher ist es für Teenager nahezu unmöglich, ihre Emotionen zu kontrollieren. Würde ein Erwachsener solch übermäßige Begeisterung zeigen, wäre dies pathologisch. Es käme einer Selbstverleugnung gleich, da Menschen mit solch extremen Gefühlen nicht wirklich wissen, wer sie sind.

In der Adoleszenz ist das Denkvermögen bereits recht gut entwickelt. Das Gehirn von Teenagern kann reflektieren, doch da ihnen Lebenserfahrung fehlt, haben sie noch nicht viel Wissen angesammelt. Daher sucht es nach etwas, woran es sich festhalten kann, etwas, das dem Teenager hilft, die Welt zu verstehen und zu interpretieren. Ein Prominenter wie Justin Bieber kann diese Funktion erfüllen. Wichtig ist jedoch, dass er nicht der einzige Bezugspunkt ist. Was junge Menschen zu Hause, mit Freunden und in der Schule erleben, spielt eine wichtige Rolle. Auch wenn vieles von dem, was sie lernen, eher implizit als bewusst geschieht, speichert das Gehirn diese Erfahrungen und nutzt sie, um die Welt zu verstehen. Jugendliche sind offen für alles, was ihnen hilft, sich in der Welt zurechtzufinden.

Eva: Ist es sinnvoll, Jugendlichen Werte zu vermitteln?

LJ: Absolut, und insbesondere durch Bildung. Die Erziehung von Kindern und Jugendlichen ist von entscheidender Bedeutung. Und ich möchte betonen, dass Bildung nicht dasselbe ist wie Ausbildung. Es ist sehr wichtig, jungen Menschen Werte in Fächern wie Geschichte, Philosophie und Literatur zu vermitteln. Das hilft ihnen, selbstständig zu denken. Literatur beispielsweise kann Teenagern viel über den Menschen beibringen. Sie ermöglicht es uns, Ereignisse nachzuerleben und hilft uns, menschliches Verhalten zu verstehen und zu interpretieren. Während der Pubertät sind Menschen für diese Art des Lernens besonders empfänglich. Außerdem lernen Kinder und Jugendliche gerne Dinge, die ihnen Spaß machen und die für ihr Leben relevant sind. Ich wünsche mir, dass Schulen stärker auf die Bedürfnisse von Jugendlichen ausgerichtet werden.

Eva: Was würde das bedeuten?

LJ: Kinder sollten mehr Möglichkeiten zum Experimentieren und Ausprobieren erhalten – durch Musik, Theater und Sport. Die Teilnahme an einem Theaterstück beispielsweise kann das Auswendiglernen von Texten in einer Fremdsprache beinhalten. Dadurch können sie ihre Ausdrucksfähigkeit trainieren und lernen, eine bestimmte Rolle überzeugend darzustellen. So werden Kunst und Kultur vermittelt. Doch es sollte nicht um Noten gehen.

Eva: Beeinflussen solche Lernerfahrungen die Entwicklung exekutiver Funktionen?

LJ: Ja. Wenn Jugendliche beispielsweise zu Hause an einem Musikstück arbeiten, müssen sie Übungszeiten einplanen. Sie lernen, sich zu konzentrieren und sich mit Gleichaltrigen abzustimmen. All dies sind wichtige metakognitive Fähigkeiten.

Fußnoten

Dr. Lutz Jäncke ist Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich. Eines seiner Forschungsgebiete ist die Plastizität des Gehirns, insbesondere im Kontext von Bildung und Lernen.